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Titel
In the Forest of No Joy. The Congo-Océan Railroad and the Tragedy of French Colonialism


Autor(en)
Daughton, J. P.
Erschienen
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
$ 30.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Kleinöder, Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Die spezifische „Kolonialität“ von Infrastrukturbauten steht aktuell und mit zahlreichen Anbindungen in technik-, wirtschafts-, sozial- und kulturhistorische Dimensionen in einem besonderen Fokus kolonialhistorischer Forschungen.1 Lagen bislang insbesondere die (europäischen) strategischen und ökonomischen Erwartungen an Kolonialbahnbauten im Zentrum der Betrachtung2, kommen nun neuere Arbeiten hinzu, die vermehrt multiple Perspektiven auf koloniale Eisenbahnbaustellen eröffnen. Diesem erneuerten Erkenntnisinteresse ist auch das Werk „In the Forest of No Joy“ von J.P. Daughton zuzuordnen, das sich dem Bahnbau der Strecke von Brazzaville, der Hauptstadt des französischen Kongo, zum Atlantik in den 1920er-Jahren zuwendet.

Bereits der Untertitel „The Tragedy of French Colonialism“ verdeutlicht das Ziel des Autors, die bislang in den Quellen vergrabenen Einzelschicksale und Alltagserfahrungen zehntausender afrikanischer Arbeiter:innen schlaglichtartig und über eine Vielzahl unterschiedlicher Zugänge zu untersuchen und in einen breiteren Kontext französischer Kolonialherrschaft zu setzen. Die „Tragödie“ ist methodisch zweischichtig angelegt: Nach der individuellen Tragik des untersuchten und differenziert dargestellten Leids der Arbeitenden steht das sich anschließende systematische Schweigen und jahrzehntelange Vergessen in der französischen Kolonialgeschichte im Zentrum der Untersuchung. In der Summe präsentiert Daughton viele empirische Details und Einzelbeispiele, die in ihrer analytischen Verknüpfung einen differenzierten Erkenntniswert zum Bahnbau generieren, Ambivalenzen deutlich offenlegen und in ihrer Argumentation über verallgemeinerte Zuschreibungen von „racism, greed, and aggression“ (S. 12) in kolonialen Kontexten hinausreichen. Insgesamt wendet sich die Studie damit einem Kapitel des französischen Kolonialbahnbaus zu, das mit geschätzten 15.000 bis 23.000 Todesopfern nach Daughton einerseits zu den modernen Großbauten mit den höchsten Opferzahlen überhaupt zählte und andererseits den rhetorischen Anspruch auf „Entwicklung“ durch Infrastruktur wie kaum ein anderes Kolonialprojekt repräsentierte.

Auf Grundlage der thematischen Gliederung lässt sich das Werk in drei argumentative Stränge unterteilen: Der erste Teil des Buches ist stark biografisch orientiert und spannt den analytischen Rahmen der Untersuchung auf. Daughton greift auf die spezifische Situation in Französisch-Äquatorialafrika der Jahrhundertwende als Ausgangspunkt seiner Untersuchung zurück, um Pfadabhängigkeiten, Ambivalenzen und Interessen der Akteure bis in den Kontext der „mise-en-valeur“ und humanitären Rhetorik des französischen Imperialismus der Zwischenkriegszeit einzubetten (Kapitel 1). Hier werden die narrativen Wurzeln rund um das „Brazza Projekt“ zur Eisenbahnlinie Brazzaville – Point Noir dargelegt, die Rollen der französischen Kolonialverwaltung bis hin zum Generalgouverneur Antonetti und des beauftragten Bauunternehmens „Société de construction des Batignolles“ in der Französischen Metropole erörtert (Kapitel 2) sowie die Grundlagen des spezifisch französischen Gewaltregimes in Äquatorialafrika, in das der Bahnbau ab 1924 eingebettet war, skizziert (Kapitel 3).

Im zweiten Teil der Arbeit liegt der Fokus auf dem Bahnbau selbst, von der Arbeitskräfterekrutierung über die dicht geschilderten gewaltförmigen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den unterschiedlichen Streckenabschnitten und Arbeitsbereichen bis hin zu verschiedenen Todesursachen rund um den Bahnbau sowie den vielfältigen Wegen von Selbstermächtigung, Widerstand und Protest afrikanischer Arbeiter:innen. In Kapitel vier wird so facettenreich die Rekrutierungspraxis der Kolonialverwaltung und insbesondere die Massenmigration aus den nördlichen Regionen zur Bahnbaustelle rekonstruiert, die die Arbeiter:innen mit Zwang, Gewalt, Misshandlungen, Krankheit und Tod konfrontierten. Hinzu treten in Kapitel 5 die spezifischen Lebens- und Arbeitsbedingungen in einer für sie oftmals lebensfeindlichen Umwelt. Im Fokus stehen hier insbesondere die physischen Aufgaben, die u.a. im Bereich von Erdarbeiten und aufgrund fehlender Mechanisierung für die Träger besonders schwer waren. Dies hatte besondere Folgen für körperliche Belastungen in extremem Klima und Topografie mit rapide steigenden Unfall- und Gesundheitsgefahren auf den einzelnen Abschnitten sowie der administrativen Überforderung, Behausung, Ernährung, Bekleidung usw. in dieser Größenordnung bereitzustellen. Darüber hinaus wendet sich Kapitel 6 u.a. explizit den europäischen Arbeitskräften auf der Baustelle zu und zeichnet auf Grundlage des Ausbleibens disziplinierender und/oder strafrechtlicher Konsequenzen einen sich verselbstständigten Prozess nach, der zu einer „normalisierten“ (S. 160) Gewalt auf und um die Baustellen führte. So gelingen differenzierte Einblicke in Ausprägungen von Brutalität unterschiedlicher Gruppen- und Hierarchieebenen, vom Einschreiten des Labour Service bzw. dem systematischen Wegsehen bis zu folgenlosen Untersuchungen von Gewaltmissbrauch. Das Spannungsfeld zwischen ideologischen, ökonomischen und politischen Interessen von Bauunternehmung und Labour Service mit oftmals fatalen Folgen für die Arbeitenden wird so klar herausgearbeitet. Kapitel 7 wendet sich aus unterschiedlichen Quellenzugängen konkreten Fällen von Ungehorsam und Desertion zu, in denen auf vielfältige Weise die Handlungsmacht der Arbeiter:innen ins Zentrum rückt und ihre Individualität gegenüber einer vermeintlich homogenen Masse besonders anschaulich wird. Zugleich ist es aufgrund der Quellenlage das empirisch dünnste Kapitel – „[a]s many deserters were never seen by authorities again, their stories were rarely written down“ (S. 185). Aufgrund der methodischen Verflechtung mit den Bedingungen chinesischer Arbeiter auf der Baustelle gewinnt es dennoch an Schärfe. Abschließend hebt Kapitel 8 Aspekte voranstehender Kapitel unter dem Brennglas der besonderen Präsenz des Todes auf der Baustelle hervor, die die Allgegenwart von der Rekrutierung, Transport, Mangelernährung und den damit zusammenhängenden Gesundheitsgefahren, Arbeitsbelastungen bis hin zu Gewaltexzessen und Mord, wenn auch mitunter redundant zu den vorangegangenen Kapiteln, noch einmal eindrücklich zusammenfasst. Dieser Teil gewährt insgesamt tiefe Einblicke in die Dynamik der Baustelle als temporärer Gemeinschaft, mit kalkulierten und unkalkulierten Effekten für den Baufortschritt insgesamt.

Im dritten Schritt schlägt der Autor den Bogen denn auch in die französische Metropole und zum ideologischen Kern der „mise-en-valeur“ sowie den Strategien des Schweigens und Vergessens zurück. Die Kapitel 9 bis 11 fokussieren über die Rückbindung des Gewaltregimes der Baustelle auf den Umgang mit zeitgenössischer Kritik und die Deutungshoheit zwischen verübten Gewaltverbrechen und Antonettis Anspruch eines „bureaucratic humanitarianism in which colonial development projects […] assure a future of civilization, humanity, and prosperity“ (S. 228). Im Kern belegt die Studie, wie unvorbereitet die Kolonialverwaltung tatsächlich auf das Großbauprojekt war. Zugleich zeigt sie ungeachtet aller Überforderung der Kolonialbeamten die am Ende aus deren Sicht erfolgreiche Strategie im Umgang mit Bürokratie und Presse, das tatsächliche Ausmaß der Todesfälle zu kaschieren bzw. in ein Narrativ des „Fortschritts“ und der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen zum Ende der 1920er-Jahre hin umzuschreiben. Eindrücklich ist der methodische Zuschnitt des letzten inhaltlichen Kapitels (11), das die vielen Seiten kollektiven und individuellen Leids nun mit dem europäischen „Sieg“ (S. 256) der Fertigstellung und Eröffnung der Strecke kontrastiert.

Am Ende bleibt die argumentativ überzeugende Erklärung der besonderen Brutalität des Bahnbaus zurück, die nicht allein in individuellen Handlungen oder einer generellen kolonial-rassistischen Mentalität zu suchen, sondern auch am administrativen Versagen der Baustellenorganisation insgesamt festzumachen ist. Zu keinem Zeitpunkt wurde die Einstellung des Projektes in Erwägung gezogen. Vielmehr wurde es verhängnisvoll als Aspekt einer (Verwaltungs-)Reform in eine Herausforderung der französischen Kolonialpolitik verkehrt. Die Studie zeigt eindrücklich, inwiefern sich Politik und Administration in widersprüchlichen Argumenten der „mise-en-valeur“ verstrickten, diese für eigene Interessen instrumentalisierten, und wie nicht zuletzt koloniale Verbrechen verschleiert wurden. Im Ergebnis kehrt der Autor dieses Versagen ins Gegenteil der zeitgenössischen Argumentation: Das Projekt sei in seiner Summe eben nicht ein Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche gewesen, dieses Bauprojekt nicht mit ausreichendem Schutz für die Arbeitenden sicherzustellen gewesen. Dabei gelingt es ihm, anhand der facettenreichen Rekonstruktion individueller Schicksale an und um die Baustellen herum einen übergeordneten Erkenntnisgewinn zu generieren. Der Autor verleiht so individuellen afrikanischen Akteur:innen nicht nur eine bislang ungehörte Stimme, sondern versucht darüber hinaus, allen Akteuren einen Namen zu geben und die eurozentrisch-biografischen Schieflagen französischer Funktionsträger so konsequent aufzuwiegen. Die Funktion von Infrastrukturbauten, auch im Selbstverständnis des kolonisierenden Staates, wird über Daughtons Werk noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise offenbar, die, so eng der Titel des Werkes zunächst erscheinen mag, mit seinen Methoden, Perspektiven und inhaltlichen Anschlussmöglichkeiten auch weit über den Einzelfall der Congo-Océan-Bahn hinausreicht.

Anmerkungen:
1 The Coloniality of Infrastructure: Eurafrican Legacies, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 05.10.2019, https://www.connections.clio-online.net/event/id/event-91117 (18.03.2022).
2 Dirk van Laak, Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880–1960, Paderborn 2004; Daniel R. Headrick, The Tools of Empire. Technology and European Imperialism in the Nineteenth Century, New York 1981.

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